Wo es euch gefällt. Arbeit ist überall - eine Reportage von Winfried Kretschmer.
Folge 9 der changeX-Serie über die neue Arbeitswelt.
changeX ist das führende Online-Medium für Entscheider und Multiplikatoren, die den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft konstruktiv begleiten und mitgestalten wollen. changeX versucht hierfür aktuelle Hintergründe und Zusammenhänge zur Verfügung zu stellen.
Arbeiten kann man überall. Und immer mehr Menschen tun das auch. Für sie hat sich Arbeit von festen Arbeitsorten gelöst, weil sie an jedem Ort getan werden kann. Für die flexiblen Arbeiter von heute gilt: Arbeit ist, wo mein Notebook ist. Arbeit ist, wo es WLAN gibt. Arbeit ist, wo ich bin. Man arbeitet an Orten, an denen sich arbeiten lässt. Und die erst dadurch, dass man dort arbeitet, zu Arbeitsorten werden: der Esszimmertisch, ein Café, ein Business Center, eine Wiese im Park oder der Strand von Ko Samui.
Es ist voll und laut. Ein Stimmengewirr aus zahlreichen Unterhaltungen. Musik dringt aus den Lautsprechern, zuweilen übertönt vom Fauchen der Espressomaschine. Das Barer 80 ist voll an diesem Freitagnachmittag. Vor allem junge Leute drängen sich an den eng gestellten Tischen, angezogen von Latte macchiato, Gesprächen und kostenlosem WLAN. Oder einem Arbeitsort abseits des Gewohnten.
Ein Mann im legeren grauen Anzug korrigiert in einem Manuskript, ein Glas Wein neben sich. Draußen rattert eine Straßenbahn vorbei. An einem Platz am Fenster sitzt Dorin Popa, das PowerBook vor sich auf dem Tisch, daneben eine leere Cappuccinotasse. Er schaut auf, klappt den Bildschirm zu. Schmales Gesicht, randlose Brille, T-Shirt, Dreitagebart. Um den Hals geknotet trägt er ein verwaschenes Halstuch. Typ ewiger Student, hatte eine Münchner Lokalzeitung geschrieben, und irgendwie ist das richtig beobachtet, vordergründig zumindest.
Genau besehen ist das ein Klischee aus wohlgeordneten Zeiten, als die Festanstellung das Normalmaß einer jeden Erwerbsbiografie war. Heute indes ist es mit dem Ewigen eher schwierig, und eben dafür ist Dorin Popa, der 100-Tage-Buchhändler, ein Beispiel. "Da drüben ist der Laden", sagt Popa und weist hinüber auf die andere Straßenseite, wo ein Ladeneingang und zwei leere Schaufenster zu sehen sind.
Genauso wie im letzten September, als Popa den leer stehenden Laden sah und ihm die Idee durch den Kopf schoss, dort drüben etwas ganz anderes zu machen. "Etwas mit Kundenkontakt, um wieder mehr mit Menschen zu tun zu haben." Fünf Jahre hatte Popa als freier Redakteur bei einer Frauenzeitschrift gearbeitet. Bis dann plötzlich Schluss war, im April letzten Jahres war das, und Popa das Zentrum seiner Freiberuflerexistenz in seine Wohnung in der Barer Straße verlagerte.
Als dann das Café eröffnete, war das für ihn eine willkommene Gelegenheit, aus seinem "Elfenbeinturm auszubrechen", das Homeoffice hinter sich zu lassen und für ein, zwei Stunden unter Menschen zu arbeiten, so wie damals in der Redaktion. Und als er dann den leeren Laden sah, passte auf einmal alles zusammen: Er in seiner ungeliebten Elfenbein-Existenz, die eher schemenhafte Idee im Kopf, vielleicht einmal so etwas wie "einen Guerilla- oder Pop-up-Store" zu eröffnen, sein Bruder, der Buchhändler in Frankfurt, der auf 110 Paletten antiquarischer Bücher saß, und nun der leere Laden gegenüber - das war das Sprungbrett in eine neue Erwerbsexistenz auf Zeit.
Als dann die Besitzer ihr Okay gaben, ging es ganz schnell. An einem Freitag Ende September unterzeichnete Popa den Vertrag, am Samstag war der Bruder mit der ersten Lkw-Ladung Bücher unterwegs, und am Montag eröffnete der Buchladen mit einer Menge unausgepackter Bücherkisten und einer allenfalls provisorischen Ausstattung. "100 Tage Bücher" stand in großen Lettern im Schaufenster, zusammengesetzt aus Einzelblättern, die Popa am Computer ausgedruckt hatte - Beginn eines Countdowns, der mit der Ziffer 1 enden sollte.
Als Beleuchtung diente eine Lichterkette mit hellen Glühbirnen, Internet kam via WLAN vom Café gegenüber, und die Bücher wurden zu einem guten Teil aus den Transportkisten heraus verkauft. Und Dorin Popas Erwerbsleben vollzog bereits die zweite Kehrtwendung in ein paar Monaten - von heute auf morgen shiftete es von Freiberufler auf Kaufmann. Und Popa wurde über Nacht zu einer kleinen Berühmtheit in seinem Viertel: Aus dem unbekannten Nachbarn, von dem man nicht so recht wusste, was er eigentlich machte, wurde Dorin Popa, der Buchhändler.
Lesen Sie den vollständigen Artikel kostenlos bei ChangeX...
kommentieren