Interview mit Thorsten Becker
"London Calling - Die Weiterentwicklung des Interim Management"
Mit ihm hat alles angefangen. Bei seinem letzten Arbeitgeber mondus in Oxford entstand vor gut 8 Jahren die Idee für die Management Angels...
Thorsten Becker ist der Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Der 1973 in Frankfurt Geborene ist insbesondere für die Bereiche Kundenbetreuung, Business Development und Finanzen zuständig. Sein BWL-Studium an der Frankfurter Goethe-Universität, der University of Limerick in Irland, der ESCP in Paris sowie der Handelshochschule Leipzig (HHL) schloss er als Diplom-Kaufmann ab. Erste berufliche Erfahrungen sammelte er unter anderem bei A.T. Kearney und General Electric. Nach seinem Studium war er zunächst als Consultant im Corporate Development & Controlling bei Bertelsmann in München tätig. Bei dem B2B-Marktplatz mondus aus Oxford leitete er die Produktentwicklung für den deutschen Markt. Seit dem Jahr 2000 ist er erfolgreich mit den Management Angels am Interim Management Markt präsent und sieht sich als Botschafter für eine immer noch unterschätzte Arbeitsform.
Erdwig Holste: Nach acht erfolgreichen Jahren am deutschen Markt unternehmen die Management Angels den nächsten großen Schritt und intensivieren ihre bereits bestehende Zusammenarbeit mit dem britischen Weltmarktführer Albemarle. Seit Juli 2008 hält Albemarle eine strategische 51%-Beteiligung an den Angels. Thorsten, warum ist dieser Schritt richtig und wichtig für das weitere Wachstum?
Thorsten Becker: Der deutsche Interim Management Markt wächst. Die guten Interim Management Provider wachsen schneller als der Markt. In den letzten Jahren konnten auch wir ein beträchtliches Umsatz-, Kunden-, Projekt- und Mitarbeiterwachstum verzeichnen. Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie wird sich unser Markt, dem wir die Treue halten wollen, in den nächsten Jahren weiterentwickeln?
Heute beobachten wir in unserem recht „elitären“ deutschen Interim Management Markt eine Art von nachgeholter Industrialisierung. Nicht jeder in unserer manchmal etwas gemütlich wirkenden Branche wird diesen Trend gut heißen können. Fest steht aber, dass erfolgreiche angelsächsische Personalberatungen wie etwa Robert Half diese Entwicklung in den letzten Jahren vorgelebt haben.
Es geht um Industrialisierung in einem dezidiert positiven Sinne, d.h. nicht auf Kosten von Qualität und persönlichem Kontakt, vielmehr im Sinne von Transparenz, Kommunikation, klaren Prozessen und verbindlichen Qualitätsstandards. Albemarle hat an all diesen Themen bereits vor über 20 Jahren erfolgreich gearbeitet. Hier werden wir im Sinne von Benchmarkings von London lernen!
Zudem wird die Internationalisierung von Projekten nach unserer Einschätzung zu einem immer wichtigeren Thema. Es ist daher naheliegend, mit dem Weltmarktführer bereits bestehende Geschäfte weiter zu intensivieren. Albemarle ist Marktführer in Großbritannien und verfügt über starke Netzwerke in die Niederlande, nach Skandinavien sowie in nahezu alle Staaten des Commonwealth.
Albemarle Interim Management selbst ist die Interim Management-Tochter des Randstad-Konzerns. Wir sind davon überzeugt: die großen, professionellen HR Services Unternehmen sind wichtige Vertriebskanäle für Interim Management-Lösungen. Randstad wird als „Erfinder“ der Zeitarbeit, als weltweit zweitgrößter Anbieter für HR Services und mit einem Netzwerk von ca. 480 Büros allein in Deutschland mit Sicherheit für weitere Wachstumsimpulse sorgen.
Erdwig Holste: Seit wann besteht der Kontakt nach London?
Thorsten Becker: Die Idee für die Management Angels kam mir ja vor gut 8 Jahren bei einer Tätigkeit im englischen Oxford. Schon bald nach der Gründung des Unternehmens schickte ich eine mail an die wichtigen Interim Management Provider in London und lud mich auf einen „Kaffee“ (bzw. einen Tee sollte ich in diesem Falle vielleicht sagen) ein. Alan Horn, der bereits im Jahr 2000 Geschäftsführer der Albemarle Interim Management war, antworte innerhalb einer Stunde. Wir hatten einen sehr netten Tee in der Great Portland Street, dem Sitz von Albemarle im Londoner Westend.
Seit ca. 7 Jahren entwickelte sich aus diesem Erstkontakt sukzessive eine zentraler werdende Partnerschaft. Albemarle wurde unser britischer Partner und wir wurden zum Ansprechpartner in Deutschland. Ein typisches gemeinsames Projekt war ein österreichischer Konzern mit Kontakt zu uns, der für ein Tochterunternehmen in Schottland einen Interim-Fertigungsleiter benötigte. K.O.-Kriterium war wegen der Arbeiter vor Ort das perfekte Beherrschen des schottischen Dialekts. Wir hier in Hamburg mussten passen, konnten aber zusammen mit Albemarle (ohne Mehrkosten für unseren Kunden) das Projekt erfolgreich zum Abschluss bringen.
Wichtiger als das Durchführen gemeinsamer Projekte waren die regelmäßigen gegenseitigen Besuche, der rege Austausch, das Voneinander-Lernen. Man mochte sich, vertraute sich, stand nicht im Wettbewerb zueinander. Besondere gemeinsame Projekte waren etwa Neujahrsempfänge im britischen Generalkonsulat in Hamburg (vor seiner Schließung). Alan Horn als Co-Gastgeber und Redner brachte uns eloquent seine Sicht auf die sich verändernden Arbeitsmärkte näher...
Erdwig Holste: Warum passen Albemarle und die Management Angels so gut zusammen?
Thorsten Becker: Weil wir uns schon über Jahren kennen und erfolgreich zusammenarbeiten. Weil wir Beide Spezialisten für Interim Management-Lösungen sind, die sehr ähnliche Werte teilen und sehr ähnliche Ansätze nutzen. Albemarle und uns ist bspw. ein Branchenfokus sehr wichtig. Wir engagieren beide Kundenbetreuer (Consultants), die in den Branchen, in denen sie Projekte machen, bereits Erfahrungen sammeln konnten.
Albemarle und wir teilen die Ansicht, dass bestehende, langfristige Kundenbeziehungen eine sehr gute Grundlage für die Verwirklichung anspruchsvoller Projekte sind. Wir verfügen beide über einen hohen Prozentsatz an „repeat business within our client base“, also an Wiederholungskäufern. Nicht zuletzt harmoniert die Zusammenarbeit auf menschlicher Ebene sehr gut. Nicht nur zwischen Alan Horn und mir. Die Kollegen bei Albemarle und meine Kollegen kennen und schätzen einander und dann wird halt mal zum Telefonhörer gegriffen und zusammen ein Problem gelöst!
Erdwig Holste: Es handelt sich um eine bisher einmalige anglo-germanische Kooperation im deutschen Markt?
Thorsten Becker: Unseres Wissens: Ja! Nicht nur der Interim Management Markt, auch die anderen HR Services Märkte sind in Großbritannien wesentlich weiter entwickelt als bei uns. In unser Branche kann man von Deutschland – im Vergleich zu Großbritannien und den Niederlanden – von einem Schwellenland sprechen. Deutschland stellt mittlerweile den drittgrößten europäischen Markt und verkleinert den Abstand zu den beiden Stammländern des Interim Managements.
Und nebenbei, meiner Meinung nach ist London die europäische Hauptstadt für „Professional Services“. Alle wichtigen Trends bei Wirtschaftskanzleien, Investmentbanken, Unternehmensberatungen, Immobilienmaklern und eben auch im Interim Management gehen von London aus. Hier werden Trends gemacht. Zahlreiche neue Entwicklungen sind in London aus der Taufe gehoben und mit beeindruckender Selbstverständlichkeiten im Wirtschaftsleben etabliert worden!
Die Management Angels passen als Hamburger Unternehmen sehr gut zu dieser angelsächsischen Innovations-Kultur. Es gibt ja das Bonmot, dass wir Hamburger den Schirm aufspannen, wenn es in London regnet. Hamburg ist die anglophilste Stadt Deutschlands. Wir sind so natürlich für die erste anglo-germanische Zusammenarbeit dieser Art gewissermaßen prädestiniert.
All diese Aspekte machen eine Kooperation für beide Beteiligten hochinteressant und vielversprechend. Im übrigen würde es mich nicht wundern, wenn es zukünftig Kooperationen ähnlichen Musters im Markt geben sollte!
Erdwig Holste: Wo ergeben sich für die Kunden der Management Angels neue Möglichkeiten in der Besetzung anspruchsvoller Interim- und Projektmandate?
Thorsten Becker: Unsere Kunden haben in unseren Kooperations-Überlegungen mit Albemarle eindeutig Priorität. Die Belange unserer Kunden stehen natürlich im Vordergrund. Ohne Zweifel haben wir mit Albemarle einen hochgradig erfahrenen und erfolgreichen Partner hinzu gewonnen. Albemarle konnte in den letzten 20 Jahren über 4.500 Interim- und Projektmanagement-Einsätze durchführen.
Dieses Prozess-, Auswahl- und Qualitätssicherungswissen wird nun mit uns geteilt. „The secret“ quasi. Davon werden unsere Kunden profitieren. Gleichzeitig können wir es über das große Albemarle (und Randstad)-Netzwerk noch besser anspruchsvolle internationale Projekte realisieren.
Erdwig Holste: Welche Chancen siehst Du durch die Beteiligung von Albemarle für die Interim Manager im Management Angels Pool?
Thorsten Becker: Es gilt insbesondere das, was ich gerade für unsere Kunden sagte. Im Schulterschluss mit Albemarle wollen wir unsere Services noch schneller, noch besser machen! Dies wird zur Folge haben, dass wir noch mehr Projekte für unseren Interim Management Pool akquirieren werden, die Trefferquote weiter erhöhen und wir unseren Interim Managern an der einen oder anderen Stelle noch besser behilflich sein können.
Die Management Angels bieten allen im Pool akkreditierten Interim Managern Zugang zu einem leistungsstarken und in seinem Umfang exklusiven Netzwerk. Leitmotiv für die strategische Weiterentwicklung des Pools ist einzig und allein die Qualität der Bewerbungen und die Anknüpfungspunkte zu den Anfrageprofilen unserer Kunden. Die Zusammenarbeit mit Albemarle ist ein weiterer Baustein. Unser Netzwerk ist damit noch attraktiver geworden.
Erdwig Holste: In der Kommunikation zu Albemarle taucht zusätzlich der Name Randstad auf. Wie erklärt sich das Geschäftsverhältnis zwischen Albemarle, Management Angels und Randstad?
Thorsten Becker: Die strategische 51%-Beteiligung hat die Albemarle Interim Management plc. erworben. Deren Managing Director ist der mir und uns sehr gut bekannte Alan Horn. Albemarle hat sich also, nicht nur juristisch, sondern auch faktisch beteiligt. Gleichzeitig ist Randstad der Mehrheitsgesellschafter von Albemarle. Es ist zu erwarten, dass wir auch gemeinsam mit anderen Randstad-Tochterunternehmen versuchen werden, Marktsynergien zu erschließen.
Erdwig Holste: Die Management Angels agieren in einem europäisch (Albemarle, X-PM, INTERIM International AB) und bundesweit (AIMP) gut sortierten Netzwerk. Etwa 20% der über Management Angels realisierten Projekte weisen einen internationalen Bezugspunkt auf. Wie wichtig sind Kooperationen für den Provider der Zukunft?
Thorsten Becker: Wir erleben seit einigen Jahren, dass Kunden anspruchsvoller geworden sind! Dies ist absolut berechtigt und im Zuge einer Professionalisierung der Branche nachvollziehbar. Als eines der marktführenden Unternehmen in Deutschland begrüßen und fördern wir diese Entwicklung. Um die gewachsenen Ansprüche unserer Kunden – gerade bei internationalen Projekten – vollumfänglich und ohne Abstriche bedienen zu können, sind starke Netzwerk-Partner unverzichtbar geworden. Albemarle und andere Randstad-Tochterunternehmen sind in diesem Kontext eine komplementäre Ergänzung zu unserem bestehenden Netzwerk.
Für viele internationale Projekte sind Kenntnisse einer bestimmten Landeskultur oder Sprache, spezifische Marktkenntnisse bzw. einschlägige Projekt-Erfahrungen unabdingbar. Wenn man ehrlich ist, lassen sich diese Projekte eben oft nur über internationale Partnerschaften – wie die unsere mit Albemarle – abbilden. Wir sind immer auf der Suche nach dem ideal geeigneten Interim Manager.
Erdwig Holste: Das feste Team der Management Angels umfasst nun 12 Kollegen, mit Tilo Ferrari wurde ein seniorer Niederlassungsleiter für den Standort Frankfurt am Main hinzugewonnen, Weltmarktführer Albemarle ist strategischer Partner und seit dem 01. August befindet sich das MA-Headquarter nicht mehr an der Alster, sondern in einem der spektakulärsten Hochhäuser (Atlantic-Haus) über dem Hamburger Hafen. Was sind die Konstanten im Wandel?
Thorsten Becker: Diese Frage ist interessant und würde gleichzeitig zu weit führen. Du hast natürlich Recht, dass sich durch das neue Büro im Atlantic-Haus und durch Tilo Ferrari, unseren neuen Niederlassungsleiter für Frankfurt einiges entwickeln wird. An dieser Stelle weise ich gern darauf hin, dass ich es sehr begrüße wie Tilo Ferrari Akzente in Frankfurt setzt. Durch ihn werden wir unsere Aktivitäten im Rhein-Main-Gebiet wie nach Süddeutschland insgesamt ausweiten können! Über das neue Büro an den Landungsbrücken freut sich das ganze Team. Die Fläche ist schon spektakulär und der Ausbau erfolgte komplett nach unseren Bedürfnissen. Wir glauben, dass unser neu errichtetes, modernes Büro dazu beiträgt, für unsere Kunden und Interim Manager noch effizienter arbeiten zu können!
Was die Management Angels kennzeichnet, sind zweifelsohne Ideenreichtum, Professionalität und eine hochgradig unternehmerische Umsetzungskultur. Diejenigen Leser, die den Weg der Management Angels in den letzten Jahren verfolgen konnten, werden dies bemerkt haben.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch einen granit-harten Markenkern. Die Management Angels wurden vor 8 Jahren als Interim Management-Provider für Technologieunternehmen gegründet. Unser Geschäft mit seinen Grundkonstanten ist sehr stabil. Dies wird auch in Zukunft so bleiben. Durch Albemarle oder Randstad wird der Fokus unserer Geschäftstätigkeit in keiner Weise beeinflusst.
Erdwig Holste: Vor wenigen Wochen wurden die Management Angels zu den innovativsten Dienstleistungs-Unternehmen in Deutschland gewählt (siehe news&views April 2008). Ein Blick hinter die Kulissen verrät: Die Angels sind ein junges, hochgradig motiviertes und innovations-getriebenes Unternehmen. Wie lässt sich diese Mannschaft eigentlich führen und immer wieder für neue Ziele begeistern?
Thorsten Becker: Das ist vielleicht die schwierigste Frage bis jetzt. Wir sind ein Team von Individualisten, die sich schätzen gelernt haben und freiwillig täglich in immer neuen Konstellationen zusammen denken und arbeiten. „Zwang“ findet hier nicht statt. Das Team ist der Star. Alle können in hohem Maße ihre Themen besetzen und vorantreiben. Lernen findet häufig implizit statt und „best practices“ sprechen sich schnell unter den Consultants herum. Wir tauschen uns alle sehr regelmäßig und intensiv über die laufenden Projekte der anderen Teamkollegen aus, sagen unsere Meinung oder hören einfach nur zu. Am intensivsten ist vielleicht der Austausch über unsere Interim Manager. Dieser findet praktisch die ganze Zeit statt.
Wir machen alle auch viel privat gemeinsam, das fördert das Verständnis füreinander. Unser neuer Standort in der Nähe vom Hamburger Kiez dürfte dabei die Anzahl gemeinsamer Aktivitäten weiter erhöhen...
Erdwig Holste: ...Stichwort Ziele, welche Ziele stehen denn für die nächsten Jahre im Fokus?
Thorsten Becker: Es klingt vielleicht fast langweilig und unspektakulär: „The Road Ahead“ liegt recht klar vor uns. Wir wollen unseren Weg konsequent weiter gehen und Interim Management im Technologiesektor als Marktführer weiter voranbringen. Es gibt noch viele, viele Unternehmen und Bereiche, in denen Interim Manager von uns erfolgreich eingesetzt werden könnten bzw. sollten. Fehlende Kenntnisse und Erfahrungen über die Vorzüge von Interim Management Lösungen in den Markt hineinzutragen, ist eines unserer klaren Ziele. Damit werden wir in den nächsten Jahren noch sehr beschäftigt sein. Albemarle wird uns hier zusätzlichen Rückenwind liefern!
Erdwig Holste: Thorsten, ich bedanke mich für das Gespräch.

