Interview mit Dr. Stefan Papirow, Geschäftsführer der BTG Beteiligungsgesellschaft mbH
„Freiheit und Risiko sind eine sehr produktive Kombination“
Dr. Stefan Papirow, Jahrgang 1949, Bankkaufmann, war 10 Jahre in leitender Funktion im Kreditbereich einer regionalen Bank tätig.
Seit 1994 ist er gemeinsam mit Dieter Braemer Geschäftsführer der BTG Beteiligungsgesellschaft Hamburg mbH, der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG) in Hamburg. Ziel ist es, Hamburger Unternehmen sowie Existenzgründer mit Eigenkapitalprodukten zu unterstützen.
Dies umfasst:
- Beteiligungskapital für Hamburger Unternehmen und Existenzgründungen,
- Beteiligungsstartkapital für Meisterinnen und Meister des Hamburger Handwerks,
- Eigenkapital für sehr junge Technologieunternehmen.
Durch die Bereitstellung von Eigenkapital insbesondere in Form stiller Beteiligungen bleibt der Unternehmer „Herr im eigenen Haus“.
Herr Papirow steht seit 2002 in Kontakt mit Management Angels.
Management Angels: Herr Papirow, wie beurteilen Sie die derzeitige Gründerkultur in Deutschland und speziell in Hamburg?
Dr. Stefan Papirow: Wir haben in Hamburg einen wahren Gründer-Boom. Wenn Sie einen Vergleich zum Bundesgebiet herstellen, ist Hamburg die Gründer-Hochburg! Mir liegen Zahlen vor, wonach in Hamburg auf 1.000 Einwohner 83 Gründer kommen. Für Hamburg ist das natürlich eine sehr erfreuliche Entwicklung.
Andere Regionen in Deutschland ziehen aber mit klugen Konzepten nach. Ein weiterer Grund ist natürlich die Attraktivität der Stadt an sich, die mit Atmosphäre und Weltoffenheit gerade Kreative magisch anzieht. Hamburg ist traditionell Medienhochburg, entwickelt sich aber gerade zur Internethauptstadt.
Management Angels: Was könnte ursächlich sein für diesen Gründer-Boom wie Sie es nannten?
Dr. Stefan Papirow: Es gibt verschiedene Ursachen. In Hamburg ist in den letzten 10 Jahren sehr viel geschehen, um die Strukturen für Existenzgründer zu straffen und überschaubarer zu machen. Heute gibt es in Hamburg 3 große Anlaufstationen, wenn es um Informationsbeschaffung geht: Neben Handels- und Handwerkskammer gibt es das Wirtschafts-Zentrum Hamburg, dem die Hamburger Initiative für Existenzgründungen und Innovationen (H.E.I.) angeschlossen ist.
Noch vor 10 Jahren war die H.E.I. die „Mutter aller Gründungsinitiativen“ in Deutschland, mittlererweile gibt es ähnliche Beispiele in jeder größeren Region. Hier werden Gründer an die Hand genommen, können auf Informationen, Kontakte, Beratungsangebote, Weiterbildungen zurückgreifen. All diese Angebote finden einen großen Zuspruch.
Management Angels: Laut einer Studie der KfW-Bankengruppe ist die Anzahl der Gründungen in den letzten 2 Jahren deutlich zurückgegangen. Dies erklärt durch die positive Konjunktur-Entwicklung und den Rückgang sogenannter „Not-Gründungen.“ Ist infolgedessen die Qualität der Gründungen gestiegen?
Dr. Stefan Papirow: Dazu sind zwei Punkte zu beachten. Zunächst, es gibt Zyklen in der Gründungsintensität. Phasen großer Aktivität sind gefolgt von Phasen mit deutlich geringerem Interesse – der Ansturm an Interessenten ist „abgearbeitet“, die Fragen sind geklärt, die Unternehmen gegründet. Ein Indikator dafür sind bspw. die Hamburger Gründertage – demnächst übrigens wieder am Sa., 09.02.2008 in der Handelskammer –, deren Besucherzahlen entsprechend rauf und runter gehen, oder auch die Teilnehmerzahlen überregionaler Wettbewerbe für Business-Pläne. Ich teile Ihre Einschätzung, die Zahlen sind derzeit rückläufig, sie werden sich aber mit Sicherheit in der nächsten Zeit wieder nach oben orientieren.
Zweitens, Vorbereitung und Qualifikation der Existenzgründer sind in den letzten Monaten signifikant gestiegen. Früher gab es mitunter gar die Nachfrage: „Guten Tag, ich möchte mich selbständig machen, können Sie mit sagen in welchem Bereich?“ Die Bewerber heute haben zumeist klare Vorstellungen und legen reifere Business-Pläne vor.
Management Angels: Kredite scheitern immer wieder an mangelnden Sicherheiten. Was sind die zentralen Bedenken, die Banken gegenüber Gründern und Jung-Unternehmern mit außergewöhnlichen Geschäftsideen hegen. Und wie lassen sich diese überwinden?
Dr. Stefan Papirow: Die große Frage ist zunächst, welche Existenzgründungen wären mit einer Bankfinanzierung richtig finanziert? Wohl kaum die Gründungen im Hoch-Technologie-Sektor. Diese kann man nur mit Eigenkapital bzw. Venture Capital realisieren, weil in den ersten Jahren von – zum Teil hohen – Verlusten auszugehen ist.
Da gibt es in Deutschland ja bereits eine Reihe guter Instrumente, nehmen Sie den High-Tech Gründer-Fonds der KfW, der seit 2005 aktiv ist und bislang etwa 100 Beteiligungen eingegangen ist, davon 7 in Hamburg. Gerade Gründungen aus dem Umfeld der Hochschulen heraus sind so möglich geworden, wobei die Unternehmer weitgehend freie Hand behalten. In Hamburg wird dieser Bereich durch zwei Institutionen abgedeckt. Einerseits durch unsere BTG-Tochter MAZ level one, zum anderen durch die Organisation CatCap. Beides sehr aktive Player in Hamburg.
Der zweite Weg, und hier widerspreche ich einer pauschalen Bankenschelte, ist die Zusammenarbeit mit einer Bank. Viele Banken wissen sehr wohl, dass es neben den Sicherheiten auch auf den Gründer als Person und Persönlichkeit ankommt. Wenn das Konzept stimmt, die Person entsprechend qualifiziert ist und Unternehmergeist durchblicken lässt, werden viele Projekte in Hamburg gemeinsam mit der Bürgschaftsgemeinschaft realisiert. So lässt sich das Risiko aus Existenzgründungen auf mehrere Schultern verteilen.
Management Angels: Die Studie „perspektive deutschland“ im Auftrag von McKinsey, stern, ARD und WEB.DE ergab Mitte 2006, dass die Selbständigkeit generell an Attraktivität gewinnen würde. Dort hieß es, „die Skepsis gegenüber Selbständigkeit nimmt weiter ab. Konnten sich 2001 nur 37 Prozent der befragten Berufstätigen, Arbeitslosen, Studenten und Hausfrauen vorstellen, eine eigene Firma zu gründen, sind es unter diesen Personengruppen jetzt bereits 52 Prozent. Besonders hoch ist das Interesse bei Studenten (70 Prozent) und Auszubildenden (56 Prozent). Kommt da in den nächsten Jahren eine Gründungswelle auf uns zu?
Dr. Stefan Papirow: Wir müssen in Deutschland ganz früh anfangen und zwar bereits in den Schulen. Wenn Sie deutsche und französische Schulbücher vergleichen werden Sie feststellen, dass in Deutschland der Angestellte oder Beamte vorkommt, in Frankreich hingegen der Weg des Selbständigen betont wird. Ansätze gibt es ja bereits, etwa in Form von Wettbewerben an Schulen, in denen es darum geht, Business-Pläne zu entwickeln und Geschäftsideen konkret umzusetzen.
Ob wir aber wirklich schon von einer kulturellen Trendwende sprechen können, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Ich hatte auch den Eindruck, dass wir zwischenzeitlich ein „Hoch“ für Geschäftsneugründungen erlebt haben, es bleibt aber abzuwarten, ob sich dieser Trend verstetigt.
Management Angels: Die Selbständigenquote lag 2006 laut BMWi in Deutschland bei etwas über 10%, im EU (27) Durchschnitt bei etwa 13%. In Griechenland liegt der Anteil der Selbständigen an der Summe aller Erwerbstätigen bei 25%. Selbständige schaffen Arbeitsplätze und bringen sich selbst in Beschäftigungen. Vereinzelt kann man der Presse immer wieder Kommentare entnehmen, eine höhere Selbständigenquote könne das Allheilmittel gegen die Arbeitslosigkeit sein. Teilen Sie diese Einschätzung?
Dr. Stefan Papirow: Vorab zu Ihrem Länder-Beispiel, Griechenland, ein Land das ich sehr schätze und schon bereisen konnte. Sie werden mir aber zustimmen, man sollte vielleicht nicht jeden griechischen Selbständigen auf dem Lande als Musterbeispiel eines zukunftsweisenden Gründers anführen.
Aber Sie haben natürlich nicht ganz unrecht. Wenn es gelingt, die Quote der hochqualitativer Existenzgründungen zu erhöhen, schaffen Sie damit potenziell dauerhaft neue Arbeitsplätze.
Ich möchte Ihnen mal eine Zahl der H.E.I. nennen. Wir haben in 10 Jahren, von 1996 bis 2005, etwa 5.400 Arbeitsplätze geschaffen, indem wir 2.500 Unternehmern den Weg in die Selbständigkeit ermöglicht und sie auf den ersten Metern begleitet haben. Und diese haben wiederum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt.
Eine höhere Selbständigen-Quote ist also sicher ein guter Weg, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.
Management Angels: Wo liegen denn die strukturellen Ursachen zwischen Ländern mit einer hohen und Länder mit einer niedrigen Gründer-Quote?
Dr. Stefan Papirow: Ganz wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen gründerfreundlich gestaltet sind. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Tage es in Deutschland für die Gründung eines Unternehmens bedarf – vom ersten Antrag über zig Behörden-Stationen bis hin zum ersten Tagesgeschäft. Diese Prozesse müssen drastisch verkürzt werden.. Die Stichworte lauten Bürokratie-Abbau, Straffung von Genehmigungs-Verfahren, wenige Anlaufstellen. Hamburg ist mit der Bündelung vieler dieser Aufgaben in der Handelskammer bzw. Handwerkskammer auf einem gutem Weg.
Management Angels: In Anbetracht der hohen „Sterblichkeit“ junger, innovativer Unternehmen bedarf es einer hohen Gründungsintensität. Lässt sich die Innovationskraft einer Volkswirtschaft über eine hohe Selbständigenquote bemessen?
Dr. Stefan Papirow: Davon bin ich überzeugt. Viele Selbständige bringen ein hohes Qualifikations-Niveau mit, denken Sie an Hochschulabsolventen oder Handwerksmeister.. Wenn es gelingt, Forschungsergebnisse in Geschäfts-Projekte zu überführen, dann ist das ein Zeichen von Innovationskraft. Natürlich bedeutet dies im Umkehrschluss nicht, nur Selbständige könnten Innovationen sichern, dies gilt ebenso für gut qualifizierte Angestellte.
Die Kombination allerdings aus Freiheit und Risiko bei Selbständigen ist eine sehr produktive Mischung, die in Innovationen ihren besten Ausdruck findet.
Management Angels: Wie Venture-Capital-fähig sind eigentlich die Business-Pläne, die Sie in den letzten Jahren auf den Tisch bekommen haben? Wie oft haben Sie das vielleicht deutsche Phänomen des sogenannten „happy engineering“, also die deutliche Bevorzugung der Produktentwicklung vor der Produktvermarktung?
Dr. Stefan Papirow: „Happy Engineering“ ist vor allem ein Thema für den erwähnten High-Tech Gründer-Fonds. Die Technikverliebtheit vieler Gründer ist als Problem bereits erkannt worden. Die KfW stellt daher Gründern einen erfahrenen Coach zur Seite, um den Erfolg einer jungen Unternehmung zu sichern. Aber auch in klassischen Gründungen geht manchmal der Blick auf Markt und Wettbewerb verloren, hier hilft dann der Coach aus BG-Start! auf den rechten Pfad zurück, mittlerweile in über 500 jungen Unternehmen!
Management Angels: Können Sie vor dem Hintergrund Ihrer Tätigkeit für die BTG bestimmte Branchen definieren, in denen in den letzten Jahren besonders viele Unternehmen mit Beteilungskapital unterstützt wurden?
Dr. Stefan Papirow: Für die BTG gilt, dass wir in drei Bereichen besonders aktiv sind. Dazu zählten in den letzten 5 Jahren das Handwerk mit etwa 10% des Volumens, die Industrie (Zulieferer, Druckereien, industrienahe Forschung etc.) mit 25% und die Informationswirtschaft (Medien, Agenturen, Filmwirtschaft etc.) mit 27%.
Management Angels: Inwieweit korrelieren Selbständigkeit und Bildungsstand?
Dr. Stefan Papirow: Ihre Frage überrascht mich. Diese Korrelation gibt es und nicht etwa nur im Hochtechnologie-Bereich. Im Handwerk stoßen Sie auf Biografien, die nach Gesellen-, Meister- und Betriebswirt (des Handwerks) -prüfungen noch einschlägige und wertvolle Praxiserfahrungen mitbringen. Selbständigkeit geht in der Regel mit einer weit überdurchschnittlichen Vorbereitung einher und setzt eben auch einen gewissen Bildungsstand voraus.
Management Angels: ...und Selbständigkeit und Berufserfahrung, bzw. Alter?
Dr. Stefan Papirow: Bei unseren Kunden gibt es ganz unterschiedliche Beispiele. Von 30 Jahren aufwärts ist alles denkbar. Viele Projekte setzen eben ein Mindestmaß an Erfahrung und finanziellen Mitteln voraus und die haben Sie meist noch nicht mit 20 Jahren.
Und spätestens mit Mitte 50 muss dann der kluge und verantwortungsvolle Unternehmer an Nachfolge-Regelungen denken, um den Fortbestand seines Unternehmens zu sichern.
Management Angels: Als Provider für Interimsmanagement arbeiten wir mit hochqualifizierten und erfahrenen Managern auf Projektbasis zusammen. Wir beobachten, dass sich zunehmend auch „Young Talents“ Mitte 30 als selbständige Führungskräfte auf Zeit erfolgreich am Markt behaupten, ähnliches gilt für Manager über 65 Jahre. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt bringt neue Erwerbsbiografien hervor und verändert die Rahmenbedingungen für Unternehmens-Gründungen. Können Sie diesen Trend bestätigen?
Dr. Stefan Papirow: Ich habe nur wenige Erfahrungen mit der von Ihnen erwähnten ersten Gruppe, den jungen Talenten. Bekannt sind mir allerdings Biographien, die sich ab Mitte 50 neue Beschäftigungsfelder erschließen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Beratungsinitiative Wirtschafts-Senioren beraten, die es Gründern ermöglicht, mit Experten aus allen Branchen in Kontakt zu treten. Ich halte es für höchst sinnvoll, dass Unternehmen auf das Know-How dieser gestandenen Führungskräfte zurückgreifen.
Management Angels: Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen Phasen der Selbständigkeit und Engagements als Festangestellter. Wie wird sich diese Entwicklung auf die Förderung auswirken?
Dr. Stefan Papirow: Die Beobachtung machen wir auch, gerade in der Vorbereitung auf die Existenzgründung parallelisieren sich die Phasen von Festanstellung und Selbständigkeit. Das wird in Zukunft Auswirkungen haben auf die Förderung junger Unternehmer haben. Die Gründung „on the job“ sollte ebenso bedacht werden wie die Gründung aus der Arbeitslosigkeit heraus. Hier gibt es für Politik und Wirtschaftsförderung noch viel zu tun.
Management Angels: Herr Dr. Papirow, wir bedanken uns für das Interview.


