Interview mit Johann A. Mühlhans, IT-Interimsmanager
„Seniorität heißt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“
Interview mit Johann A. Mühlhans, IT-Interimsmanager
Johann A. Mühlhans ist seit 2001 Mitglied im Management Angels Pool und derzeit als Interimsmanager in einem IT-Projekt tätig. Als Coach und Managementberater steigert Mühlhans in Einzel- oder Team-Coachings die Leistung und Zufriedenheit von Teams und Führungskräften.
Seine Schwerpunkte:
- Modernisierung und Neuausrichtung von IT-Abteilungen
- sensible und effektive Umsetzung von Veränderungsprozessen bei der IT-Fusion sowie die Konsolidierung von IT-Betriebsstätten
- Entwicklung und Einführung von Führungskonzepten
- Aufbau von neuen Organisationsstrukturen
- Bildung von hochleistungsfähigen Teams
Homepage: www.johann-muehlhans.de
Management Angels: Herr Mühlhans, Sie sind Jahrgang 1946. Wir zählen Sie damit zu unserer begrifflichen Neuschöpfung, der „Generation Silver Management.“ Können Sie was damit anfangen?
Johann A. Mühlhans: Ich finde den Begriff genial! Denken Sie an Unwörter wie „50+“, die schon vom Wortlaut her nichts Gutes verheißen und völlig unmodern klingen. Mit „Generation Silver Management“ verbinde ich etwas Positives, vermarkten Sie den Begriff gut!
Management Angels: Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal ernsthaft darüber nachgedacht, wann der beste Zeitpunkt gekommen sein müsste, um sich aus dem aktiven Geschäft auf den vermeintlich „ruhigen Alterssitz“ zurückzuziehen?
Johann A. Mühlhans: (lacht) Nein, nein, Herr Holste, darüber habe ich noch überhaupt nicht nachgedacht. Worüber ich eher nachdenke sind Visionen, welche Themen ich in den nächsten 20 Jahren aktiv angehen könnte. Da kommen mir dann einige interessante Gedanken, was ein weiser alter Mann (lacht erneut) in unserer Gesellschaft alles umsetzen könnte, was am Ende auch nachgefragt und akzeptiert wird.
Management Angels: In unserem Pool stellt die Altergruppe zwischen 35 und 60 Jahren die Mehrheit an Interimsmanagern, wir vermitteln aber auch „Young Talents“ unter 35 wie erfahrene Interimsmanager über 60. Von Kundenseite heißt es dann bei den Jüngeren: Kann der das überhaupt mit dieser geringen Erfahrung? Bei den Älteren heißt es: Ist so ein älterer Manager eigentlich noch auf dem fachlich neuesten Stand? Begegnen Ihnen bei der Neu-Projektakquise bzw. bei der Projektübernahme ähnliche Vorbehalte?
Johann A. Mühlhans: Die Vorbehalte sind mir bekannt, sie werden nur nicht klar und deutlich kommuniziert. Dieser Art Vorbehalte sind in einer erweiterten Perspektive aber nicht nur auf das Alter begrenzt.
Aus meiner Perspektive erzeugt die Kombination aus „alt“ und „jung“ eine hochproduktive, kritische Masse. Bringen Sie 30jährige, die genug Energie haben, um sich auf die Reise zu begeben, zusammen mit 60jährigen, die offen genug sind, um neue Ideen zuzulassen, und Sie werden sehen, da entsteht eine unglaubliche Dynamik. Diese Situationen sind sehr spannend, diese Situationen liebe ich geradezu.
Management Angels: Was zeichnet einen guten Interimsmanager aus?
Johann A. Mühlhans: Das ist eine gute Frage. Da muss ich nachdenken. Bei einem guten Interimsmanager haben Sie nach einer Woche das Gefühl, das er schon immer da war. Er bindet sich ein in den bestehenden Organismus, ist hochintegrationsfähig und kein Fremdkörper. Ein gestandener Interimsmanager hat den Blick für das Machbare, für die zur Verfügung stehenden Handlungs-Möglichkeiten im Rahmen einer bestehenden Organisation.
Management Angels: Das Alter allein macht natürlich noch keinen gestandenen Manager. Dennoch, welche besonderen Qualifikationen und Persönlichkeitsmerkmale sind aus Ihrer Sicht nur bei höheren Semestern zu bekommen?
Johann A. Mühlhans: Es gibt eine wichtige Leitlinie und die ist so simpel wie anspruchsvoll: Wie kann ich Euch helfen? Dahinter steckt, wo liegt das Problem? Das schnell zu erkennen ist die hohe Kunst.
Von einem älteren Interimsmanager erwarte ich darüber hinaus einen verbindlichen Werte-Katalog, dazu zählen Werte wie Verlässlichkeit, Geduld und Gelassenheit. Gerade letztere zwei Tugenden sind „erfahrungsgemäß“ unter jüngeren Managern eher spärlich gesät.
Management Angels: Sie haben eine Reihe von Projekten erfolgreich durchgeführt, in denen Sie als Team-Leiter erfolgreich agierten. Nun die Königsfrage, wie definieren Sie Führung?
Johann A. Mühlhans: Führung. Tatsächlich eine Königsfrage. Ein ganzes Berufsleben setze ich mich damit schon auseinander. Ich werde versuchen, Ihnen meine Handlungslinie zu skizzieren. Vorab, ich gehe davon aus, dass alle Mitarbeiter im Unternehmen Gutes bewirken wollen, man muss Ihnen nur den geeigneten Rahmen dafür geben. Dieser Grundsatz gilt für alle Mitarbeiter. Nun werden einige sagen, ich kenne da aber jemanden, der hat sich doch längst aufgegeben. Führen Sie dann ein persönliches Gespräch mit der besagten Person, stellen Sie in der Regel fest, es gibt gute Gründe für die fehlende Motivation.
Sie müssen als Führungskraft ihren Mitarbeitern Vertrauen entgegenbringen und Handlungsfreiräume schaffen. Das hat auch etwas mit Konsequenz zu tun.
Management Angels: Sie sprechen von Motivation...
Johann A. Mühlhans: ...in der Tat. Vertrauen verpflichtet. Förderung verpflichtet. Die Frage ist, wie kann ich einen Mitarbeiter mitnehmen, nach vorn bringen? Der Mitarbeiter ist ein Kunde von mir, als Führungskraft bin ich sein Dienstleister.
Hochgestellte Chefs haben eine unglaubliche Vorbildfunktion, der sie sich oftmals gar nicht bewusst sind. Jede Reaktion wird beobachtet. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In den USA war ein Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern über 30 Jahre kontinuierlich erfolgreich. Warum? Der Chef verbrachte 50% seiner gesamten Arbeitszeit damit, umherzulaufen, den Kontakt zu seinen Mitarbeiter zu pflegen, sich als Ansprechpartner zu präsentieren. „Management by Walking“, die Maxime hieß: “Ich zeige mich”, “Ihr seid mir die Zeit wert.”
Es geht wohl um drei ganz wichtige Aspekte: Inspiration, Vorbildfunktion, Wertschätzung.
Management Angels: Zur Debatte in Deutschland: Im letzten Jahr noch hat Bundesarbeitsminister Müntefering vor dem Hintergrund von etwa 1,3 Mio. Arbeitslosen über 50 Jahren, die „Initiative 50+“ ausgerufen. DIHK-Präsident (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) Ludwig Georg Braun forderte damals von den Unternehmen ein Ende der Frühverrentungspraxis und von den älteren Arbeitnehmern deutlich größere Qualifizierungsanstrengungen.
Stehen wir in Deutschland am Übergang zu einem Kulturwechsel – offenere Unternehmen, selbstbewusstere, ältere Fachkräfte?
Johann A. Mühlhans: Dieser Kulturwechsel findet tatsächlich statt. In den Zeiten des Internet-Hypes hatten wir einen Jugendwahn. Heute, und dies ist auch aus der Not geboren, dass es zu wenig gut qualifizierte Fach- und Führungskräfte am Markt gibt, wird aus der Not die Einsicht, das Alter zunehmend weniger zum ausschlaggebenden Parameter zu machen. Zu recht. Es gibt genügend Unternehmen, die um die Vorzüge einer vielseitigen Mitarbeiterstruktur wissen.
Ich beobachte eine Annäherung zwischen jüngeren und älteren Managern. Mit dem Überschreiten der 55-Jahre-Grenze geht längst nicht mehr dieser signifikante Bruch einher wie es vielleicht noch vor Jahren der Fall war. Die Unternehmen werden in Zukunft noch bewusster darauf achten, dass die Seniorität eines gestandenen Managers auch ein sehr produktives Gegengewicht zu jüngeren Managern sein kann.
Management Angels: Was glauben Sie, wann wird ein heute 40jähriger aufhören, aktiv gegen Entgeld zu arbeiten, und ist das ein Thema, das sich branchen- oder länderspezifisch verschieden entwickeln wird?
Johann A. Mühlhans: Machen Sie es an der Qualifikation fest. Mit steigender Qualifikation wachsen die Möglichkeiten unbegrenzt tätig zu sein und anspruchsvolle Projekte erfolgreich abzuwickeln. Dort, wo sehr viel Wissen gebraucht wird, werden Ältere weiterhin und zunehmend eine wichtige Rolle spielen.
Wir sehen ja schon heute, das etwa Interimsmanager immer stärker nachgefragt werden. Insgesamt erwarte ich in der nächsten Zeit einen weiteren Zuwachs an Selbständigen. Wir lernen in Projekten zu denken.
Management Angels: Stichpunkte: Weiterbildung, lebenslanges Lernen, weniger gradlinige Biographien. Sie selbst haben sich immerfort neue Ziele gesetzt und sind verschiedenen Tätigkeiten nachgegangen. Heute sind Sie erfolgreich als IT-Manager und Coach. Eine klassische Frage aus dem Bewerbungsgespräch: Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Johann A. Mühlhans: Ich habe eine Vision, das hatte ich ja bereits eingangs gesagt. Für mich persönlich sehe ich bei zukünftigen Tätigkeiten eine Verlagerung vom fachlichen Spezial-Know-How hin zu mehr Führung voraus. 40 Jahre in der IT-Branche zu verbringen heißt, 40 Jahre Wissen, immer wieder neue Projekte zu managen, Mitarbeiter zu führen. Als Destillat meiner Tätigkeiten sehe ich das Coaching, den anspruchsvollsten Teil, das Big Picture. Ich sehe meine Entwicklung in der Folge Wissen/IT, Projektmanagement, Führung, Coaching.
Management Angels: Und in 10 Jahren?
Johann A. Mühlhans: Es wird in dieser Folge weitergehen, Coaching wird weiter zunehmen.
Darüber hinaus ist es unerlässlich, sich selber Ziele zu setzen und diese zu verfolgen. Ein spannende, neue Herausforderung ist es für mich persönlich in den nächsten Jahren Team-Coach eines Fußball-Vereins zu werden. Spieler einzuschätzen, zusammenzubringen mit dem Ziel Energie zu erzeugen. Das Attraktive daran, Sie sehen den Erfolg sofort in der Tabelle. Wenn Sie vergleichbare Projekte in einem Unternehmen anschieben müssen Monate warten bis Sie die Ergebnisse sehen.
Viele junge Spieler ahnen nicht, was sie mit ihrem Kopf alles anstellen können. Als Kennzahl gilt, etwa 30% eines Fußballspiels wird im Kopf gespielt. Es geht also vor allem um die Geisteshaltung eines Teams.
Die Kunst liegt dann in der Aufrechterhaltung von Konstanz. Was ist die richtige Haltung? Aus meiner Sicht sollten Sie an jedes Spiel wie an ein Trainingsspiel herangehen: mit Spaß, Spielfreude, ohne Druck und mit der Freiheit, etwas Großes schaffen zu können.
Management Angels: Ihnen werden die alten IBM-Lochkarten aus Ihrer Zeit als „Computer-Operator“ noch gut bekannt sein. Mitte der 1960er Jahre hatte eine Lochkarte ein Fassungsvermögen von etwa 80 Byte. Um ehrlich zu sein, wirken diese gelöcherten Pappen aus heutiger Perspektive geradezu museal. Können Sie mit dem Fachwissen von damals heute noch irgendetwas anfangen?
Johann A. Mühlhans: (lacht) Nein. In fachlicher Hinsicht werden Sie viel Fantasie brauchen, um mit der Lochkarte von damals heute noch etwas anfangen zu können. In methodischer Hinsicht sind Anknüpfungspunkte naheliegender, aber auch hier hat sich natürlich vieles grundlegend geändert. Da darf man sich keinen Illusionen hingeben.
Management Angels: Sie sind IT-Manager. Kaum eine Branche ist innovationsgetriebener als die Ihre. Im Marketing-Umfeld wird gern die Unterscheidung zwischen den sogenannten „digital immigrants“ und den „digital natives“ diskutiert. Zu den digitalen Eingeborenen gehören Menschen, die mit digitalen Technologien wie PC, Internet, Mobil-Telefonen und MP3-Playern aufgewachsen sind. Herr Mühlhans, folgen Sie jedem Trend oder konzentrieren Sie sich mittlerweile auf „das Wesentliche?“
Johann A. Mühlhans: Ich habe gelernt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Die Netzwerkgesellschaft hat uns das Phänomen der asynchronen Kommunikation beschert. Ein sehr gescheiter Manager hat mal zu mir gesagt, diejenigen unter uns, die keinen e-mail-Account und kein Mobilfunk-Gerät haben sind privilegiert. Da hat er Recht, denn ihre Aufgabe ist nicht das vielschichtige, oft flüchtige Tagesgeschäft, sondern das Wesentliche.
Ich bin auf dem besten Weg, erste Privilegien einzufordern. Das ist natürlich eine Frage der Organisation, die ich heute manage. Sobald die Prozesse etabliert und die Organisation darauf ausgerichtet ist, werde ich kaum noch e-Mails selbst bearbeiten müssen, ich bin unterwegs nie online und nur in Zeitabschnitten zu erreichen. Ich gerate sonst in eine Mühle hinein, wir alle kennen sie. Am Ende geht es immer um gute Ideen und die entstehen nur, wenn man für ihre Entstehung ausreichend Freiräume bereithält.
Management Angels: Interimsmanagement war über Jahrzehnte ein Thema für die Netzwerke der „Old-Boys“, d.h. eine Domäne für besonders erfahrene und im Markt anerkannte Manager, die die Vorzüge projektorientierter Tätigkeiten schätzten. Hier scheint sich – nicht zuletzt durch die entstandene Providerlandschaft in Deutschland – eine Professionalisierung abzuzeichnen. Man will den besten Kandidaten, unabhängig von seinem Alter. Sehen Sie das auch so?
Johann A. Mühlhans: Zwei Dinge bedingen sich gegenseitig. (1.) Netzwerke werden immer weiter professionalisiert, wir leben in ihnen, sind von ihnen abhängig. Netzwerke sind unsere moderne Entscheidungshilfe, ihre Qualität und Aktualität sind für uns von entscheidender Bedeutung. (2.) Gleichzeitig steigt der Bedarf an weiterer Vernetzung. Unsere persönlichen Beziehungen scheinen den wachsenden Ansprüchen nicht mehr gerecht werden zu können. Unsere Bedürfnisse werden immer spezieller, immer zeitkritischer.
Nehmen Sie ein Unternehmen, das einen Spezialisten benötigt. Ohne eine Vorselektion möglicher Kandidaten gehen Sie unter, suchen möglicherweise an der falschen Stelle, können kaum Vergleichbarkeiten schaffen. Am Ende haben Sie wochenlang gesucht und kein befriedigendes Ergebnis erlangt. Wir befinden uns in einem Spannungsverhältnis zwischen Öffnung (Vergrößerung des Netzwerks) und Abgrenzung (Selektion der besten Kontakte). Als Provider nehmen die Management Angels hier eine wichtige Scharnier-Funktion ein.
Management Angels: Viele Interimsmanager entwickeln sich während Ihrer Selbständigkeit weiter, steigern sich von Projekt zu Projekt, übernehmen immer mehr Verantwortung, wollen als Interimsmanager „Karriere“ machen. Was ist Ihre Empfehlung an Kollegen: Sich sukzessive steigern oder auf hohem Niveau beginnen und dann „konsolidieren?“
Johann A. Mühlhans: Das sukzessive Steigern gefällt mir gut. Bei jedem Interimsmanagement Auftrag lernen Sie was dazu. Jeder kann anfangen, auch die 30jährigen. Lernen ist das Stichwort, von Auftrag zu Auftrag.
Management Angels: Viele Kunden glauben, ältere Interimsmanager seien besonders teuer. Mit einem Augenzwinkern geantwortet, stimmt das wirklich?
Johann A. Mühlhans: Nein. Da muss ich dringend widersprechen. Meine Erfahrung ist, zeigen Sie sich in Ihrer Preispolitik flexibel und Sie werden merken, die wenigsten Aufträge scheitern am Tagessatz. Ich habe sogar mal umsonst gearbeitet, um am Ball zu bleiben, gewissermaßen als Marketingmaßnahme.
Abgesehen davon ist der Tagessatz prinzipiell nicht ans Alter gekoppelt. Ich kenne genug junge Leute, die sich sehr teuer verkaufen. Ich bin bescheiden geworden. Ein großer Vorzug des Alters.
Management Angels: Herr Mühlhans, ich bedanke mich für das Gespräch.


