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Interview mit Prof. Jacques JAM Reijniers, Beirat Management Angels

05.03.2008

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Kategorie: W&W - Wirtschaft und Wissenschaft

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Von: Erdwig Holste

„Mehrwert-Multiplikator Einkauf"

Zur Person:

Prof. Reijniers ist Geschäftsführer der Het NIC bv, einer Beratungsfirma im Bereich Einkaufsmanagement für den öffentlichen Dienst und Geschäftsführer der Jacques-Reijniers Building Interim Management.

Er ist Professor für Einkaufsmanagement an der Nyenrode Business Universiteit (NL), Executive Professor an der Universität Antwerpen Management School (B) und hat das Programm 'Executive Interim Management' an der EBS Oestrich-Winkel (D) entwickelt, ist dafür akademisch verantwortlich und auch als Dozent beteiligt. Prof. Reijniers ist unter anderem Autor des Standardwerks 'Interim Management: a true profession' und seit vielen Jahren Beirat der Management Angels GmbH.

Management Angels: Herr Reijniers, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in Deutschland hat längst auch das Management erreicht. Der Interimsmanagement-Markt wächst und ist dynamischer denn je. Wo liegen die zentralen Ursachen für das anhaltend positive Wachstum? 
Prof. Jacques Reijniers: Ich sehe verschiedene Gründe, warum sich in den letzten Jahren „Türen geöffnet“ haben. Erstens, Produkte und Märkte entwickeln sich heute immer schneller. Geschwindigkeit ist das zentrale Kriterium für unternehmerischen Erfolg geworden. Zweitens haben sich im Zuge der Globalisierung moderne Formen der Kommunikation etabliert, die durch stetige Innovationen im IT-Bereich weiter katalysiert werden. Kommunikation zwischen und innerhalb von Unternehmen wird leichter und schneller. Drittens sehen sich Unternehmen heute einem Wettbewerbsdruck ausgesetzt, der eine neue Qualität erreicht hat. 
In der Konsequenz heißt das, es bleibt weniger Zeit für angemessene unternehmerische Reaktionen, weniger Zeit zur Ausbildung neuer Kompetenzen, weniger Zeit zur Implementierung adäquater Führungsstrukturen. Auf Führungsebene muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich in punkto Analyse, Beratung und Implementierung kontinuierlich weiterzuentwickeln.      
 
Management Angels: Gibt es Besonderheiten in Deutschland, die im europäischen Ausland genauer beobachtet und diskutiert werden?
Prof. Jacques Reijniers: Ich möchte vorsichtig sein und allzu leichtfertige Verallgemeinerungen vermeiden. Was mir aber besonders in Deutschland auffällt, ist das Verhalten der Gewerkschaften gegenüber innovativen und weniger regulierten Arbeitsformen. Hier hat sich einiges getan. Insgesamt scheint mir dadurch die Konkurrenzfähigkeit deutscher Unternehmen im weltweiten Vergleich gestärkt worden zu sein.
Unternehmen brauchen fortwährend neue Impulse, müssen sich in einem flexibilisierten, weltweiten Umfeld behaupten. Wenn Sie sich nur mit „Mitgliedern der Familie umgeben“, werden sie nicht immer den notwendigen klaren Blick für bestehende Probleme haben können. Woher sollen die Erneuerungen kommen, wenn nicht von Außen?
 
Management Angels: Neben dem deutschen Interimsmanagement-Markt kennen Sie den Markt in den Niederlanden. Für Deutschland spricht man mit Blick auf die Niederlande gern von „Nachhol-Effekten.“ Lassen sich die Märkte in Europa überhaupt vergleichen?
Prof. Jacques Reijniers: Zunächst ist festzuhalten, dass Sie vielleicht ein Scoring der Umsatz-Volumina der europäischen Märkte aufsetzen können, damit aber kaum die qualitativen Differenzen voll erfassen werden. Abgesehen von den strukturellen Unterschieden gibt es zwischen den europäischen Volkswirtschaften entscheidende kulturelle, historisch gewachsene Verschiedenheiten. Ein Parameter hierfür ist etwa, wie offensiv in den Ländern um externen Fachkräfte geworben wurde, um neue Fertigkeiten und Kenntnisse in die Unternehmen zu bringen.
In Deutschland war die Unternehmenslandschaft durch klare, hierarchische Entscheidungsstrukturen geprägt. In Belgien dominierten eher familiäre, starre Unternehmensgefüge. In diesen tendenziell geschlossenen Systemen war die Integration von Experten von außerhalb oft schwierig. Folgerichtig hat die Sensibilisierung für den Einkauf von Beratern in beiden Ländern später eingesetzt.
Im liberalen Holland gibt es dagegen eine 100jährige Kultur unternehmerischer Offenheit. Wenn ein Unternehmen ein Problem hatte war es keinesfalls ehrenrührig, sich gegen Entgeld kompetenten Beistand hinzuzuholen. Dies hat die Organisation von Führung in Holland nachhaltig beeinflusst.
 
Management Angels: Wie beschreiben Sie die aktuelle Entwicklungsdynamik in beiden Ländern?
Prof. Jacques Reijniers: Deutschland holt gerade massiv auf, was in Holland mehr Zeit zur Entwicklung in Anspruch genommen hat. Man profitiert von Lern-Effekten, zieht Rückschlüsse aus der Beobachtung anderer Märkten. Das ist ein Vorteil. Großbritannien oder auch die Niederlande nehmen in der Tat – noch – eine Vorbild-Funktion ein. Dieser Vorsprung wird aber schon bald egalisiert sein. Die Akzeptanz für das Management-Instrument Interimsmanagement wir größer und größer in Deutschland.    
 
Management Angels: Das wissenschaftliche Interesse am Thema Interimsmanagement an den Universitäten und Business Schools in Deutschland scheint zu wachsen. Können Sie diesen Trend bestätigen?
Prof. Jacques Reijniers: Das ist zutreffend. Dafür gibt es Gründe. Zunächst, Interimsmanagement ist etwas Neues, Spannendes, Faszinierendes. Da ist es naheliegend, dass das wissenschaftliche Interesse zunimmt. Zweitens, es gibt eine Reihe praktischer Fragen, die beantwortet werden müssen. Wenn jemand als Interim Manager in ein Unternehmen berufen wird, müssen Erfolgsfaktoren definiert werden. Es geht etwa um Qualitätsmaßstäbe, das Monitorring, die Kontrolle der Projekte ist sicher zu stellen. Drittens, was sind die Kompetenzen und Eigenschaften eines guten und erfolgreichen Interim Managers? Die Wissenschaft ist in der Pflicht, einen Beitrag zum Verständnis dieser Fragen zu leisten.
Die Suche nach neuen, am Ende rentablen Konzepten für moderne Unternehmen ist sicher der Hauptgrund, warum das Thema Interimsmanagement im akademischen Diskurs zunehmend Beachtung findet. Steigende Promotionszahlen belegen dies.
 
Management Angels: Am 19. April 2008 findet an der European Business School Östrich-Winkel das 3. Interim Executives Symposium statt. Sie werden u.a. einen Workshop zur spannenden Frage der Akquisition internationaler Projekte moderieren. Mit welchen Problemen ist die Akquisition internationaler Projekte verbunden?
Prof. Jacques Reijniers: Die Komplexität internationaler Mandate wird leicht unterschätzt. Qualifikation, Erfahrung und charakterliche Eigenschaften sollten zum Projekt und zum Umfeld des Projektes passen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn Sie in Ost-Europa ein Assignment übernehmen, müssen Sie die kulturell geprägte Funktionsweise eines Unternehmens begreifen. Change Prozesse, die in die Kultur von Unternehmen eingreifen, erfordern eine außerordentliche Sensibilität für regionale Befindlichkeiten. Als Interim Manager haben Sie nur kurze Zeit, um Ergebnisse in Analyse, Beratung und Umsetzung zu liefern.
Auch die Sprache ist ein wichtiger Faktor. Wenn Sie als Interim Manager etwas bewegen wollen, müssen Sie bis in die unterste Organisation kommunizieren können. Kosten, Spesen, Unterbringung, lange, zum Teil anstrengende Anreisezeiten zum Projektort sind weitere Faktoren, die vorher überlegt sein wollen.
Eines ist natürlich klar, Mandate mit einer internationalen Dimension haben immer einen ganz besonderen Reiz. Sie stellen aber eben auch außergewöhnliche Anforderungen an den Interim Manager.

Management Angels: Aktuelle Entwicklungen zeigen, moderne Unternehmen sind im Begriff, sich immer weiter zu öffnen. Einerseits zum Konsumenten, dem zunehmend Einfluss in vielen Unternehmensbereichen eingeräumt wird. Weiterhin öffnen sich Unternehmen ihren Mitarbeitern gegenüber, von selbstbestimmten Arbeitsstrukturen bis hin zur Beteiligung am Unternehmenserfolg. Schließlich wird die Einbindung von externem Fach-Personal auf Zeit zu einem Instrument, dass neben seiner operativen Notwendigkeit einen strategischen Wert erlangt. Unternehmen beginnen, Interim Manager nicht nur als Feuerwehr, sondern vielmehr als kontinuierliche Ergänzung zu betrachten.
Was sind aus Ihrer Sicht Parameter eines modernen, zukunftsorientierten, erfolgreichen Unternehmens?  
 
Prof. Jacques Reijniers: Ein schwierige Frage, die Sie da aufwerfen. Lassen Sie es mich so formulieren, die Kernfrage ist die Frage nach der Ausgangssituation. In welchem Umfeld agiert ein Unternehmen? Ist die Umwelt stabil, ohne große Risiken langfristig planbar oder nicht? Es gibt Unternehmen, die es sich leisten, mit einer gewissen Sicherheit noch viele Jahre ihren bewährten Weg weiter gehen zu können.
Aber nehmen wir doch einmal Ihr Unternehmen, die Management Angels. Viele Ihrer Kunden bewegen sich in einem hochdynamischen, sehr stark entwickelten Marktumfeld. Nur wenige Branchen sind so beweglich wie die Telekommunikation, die Informationstechnologie, Multi-Media-Themen. Unternehmen, die hier tätig sind, müssen immer sicher gehen, die richtige, passgenaue Management-Kompetenz on-time zur Verfügung zu haben. Erneuerungen müssen in ganz kurzer Zeit umgesetzt werden. Dazu benötigen Sie neben dem „klassischen“ Führungs-Know-How die Fähigkeit, Teams zusammenstellen und koordinieren zu können. Hier liegt eine große Aufgabe für erfolgreiche Führungskräfte, es geht um neue Formen der Delegation.
 
Management Angels: Viele Unternehmen stehen vor der Abwägung, entweder selber Know-How intern aufzubauen oder zeitnah Fach-Kenntnisse extern dazu zu holen.
Prof. Jacques Reijniers: Die Frage ist, kann und sollte ein Unternehmen die geforderten Kompetenzen ständig selber entwickeln? Ist das Unternehmen überhaupt in der Lage dazu, denn dies wäre mit kontinuierlichen Aufwendungen und Investitionen verbunden.
Ein anderer Weg – und viele erfolgreiche Unternehmen sind diesen Weg längst gegangen – ist es, eine flexible Gruppe externer, fähiger Manager um das Unternehmen herum zu organisieren. So können Sie schnell auf gefragte und fehlende Ressourcen zugreifen.  
Sie können diese Gruppe auch in ihr Unternehmen integrieren. Eine Reihe von Großunternehmen haben bereits eigene, separierte Abteilungen gegründet, in denen festangestellte Manager die Rolle von unabhängigen Interim Managern erfüllen ... 
 
Management Angels: ... aber gewissermaßen inhouse tätig sind ....
Prof. Jacques Reijniers: ... korrekt. Ich muss die Entscheidung fällen, welche Strategie ich in meinem Unternehmen zur Entwicklung neuer Kompetenzen durchsetze. Baue ich selber die besagte Kompetenz-Gruppe auf, dann muss ich Schulungen, Weiterbildungen, Coachings etc. professionell finanzieren und Fortschritte überwachen.
Ein anderer Ansatz könnte auch sein, eine strategische Partnerschaft zu ein oder zwei vertrauenswürdigen Providern, die sich auf Interimsmanagement spezialisiert haben, aufzubauen. Die haben dann dafür zu sorgen, als Beratungsinstanz den Zufluss benötigter Kompetenzen und Kapazitäten zu flankieren. Strategische Partnerschaft heißt hier, ungefragt zu beraten. So haben Sie dann von außerhalb die notwendige Flexibilität sicher gestellt.
 
Management Angels: In dieser Newsletter-Ausgabe geht es um das Themenfeld „Einkauf.“ Die Versorgung eines Unternehmens mit Gütern und Dienstleistungen, die für die Wertschöpfung benötigt aber nicht vom Unternehmen selbst hergestellt werden, wird um so wichtiger, je spezialisierter und projektorientierter ein Unternehmen aufgestellt ist. Gewinnt hier ein Unternehmensbereich an Bedeutung?       
Prof. Jacques Reijniers: Für Unternehmen wird es generell immer interessanter, Dienstleistungen extern hinzuzukaufen. Aber auch hier gibt es auffällige Entwicklungen. Früher war es noch so, dass Sie als Unternehmensvertreter im Bedarfsfall etwa einen Interim Manager selbst ausfindig und dazu geholt haben. Heute professionalisiert sich der Umgang mit externen Fachkräften. Es ist nicht einsichtig, warum man auf die Wahl eines „preferred supplier“ verzichten sollte, wenn sich so bessere Konditionen erreichen ließen. Darüber hinaus wächst natürlich auch das Vertrauen und das Verständnis zwischen Supplier und Partnerunternehmen.
Die Anforderungen an Einkaufsabteilungen steigen sukzessive. So sind Sie im Einkauf geradezu angewiesen auf die Expertise einer professionellen Beratungsinstanz.
 
Management Angels: Was für Konsequenzen sind damit verbunden?       
Prof. Jacques Reijniers: Das Interesse der Geschäftsleitung an den strategischen Aktivitäten im Einkauf steigt mit der wachsenden Bedeutung dieser Abteilung. Es geht um die Erkenntnis, dass gezielte Kooperationen mit hochspezialisierten Suppliern besser für die Entwicklung des Unternehmens sind, als alles selber machen zu wollen. Ein guter Lieferant muss die Innovationskraft seiner Kundenunternehmen zusätzlich absichern. Das bezieht sich auf Güter und Dienstleistungen gleichermaßen.
 
Management Angels: Welche Einkaufs-Themen werden sich in den nächsten Jahren deutlich weiter entwickeln? Was sagt die Forschung? 
Prof. Jacques Reijniers: Unternehmen müssen sich bewusst machen, dass Qualität im Einkauf von zentraler Bedeutung ist. Dies erfordert Markt- und Sachkenntnis. Viele Unternehmen sind zu sehr fokussiert auf die Kostensenkungsseite und vernachlässigen Renditeperspektiven, die sich durch herausragende Qualitätsmerkmale erschließen.
Zudem ist eine weitere Tendenz offenkundig. Standard-Dienstleistungen werden verstärkt über Rahmenverträge mit Zulieferer-Unternehmen abgewickelt. Bei sehr speziellen und im Voraus nahezu unplanbaren Bedarfsfällen werden indes auch in Zukunft Einzel-Lösungen zum Einsatz kommen müssen. Diese Sonderfälle lassen sich kaum standardisieren und über professionelle Einkaufsabteilungen abdecken. Hier ist dann der Supplier in besonderem Maße gefordert, eine maßgeschneiderte Lösung zu finden und diese in Kooperation mit der Fachabteilung zu vermitteln.
 
Management Angels: Herr Reijniers, ich bedanke mich für das Gespräch.
 
 

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