Interview mit Stephan Uhrenbacher, CEO der Qype GmbH
"Es muss ein gemeinsamer Nenner vorhanden sein"
Stephan Uhrenbacher, Jahrgang 1969, baute Mitte der 90er des vergangenen Jahrhunderts für Gruner+Jahr die Reiseplattform TravelChannel auf. 1999 ging er nach London und arbeitete als Head of Northern für LastMinute.com. Danach wirkte er als Director Product & Programm sowie als Prokurist bei der Bild.T-Online AG. Später verantwortete der Diplom-Wirtschaftsingenieur bei der Versandapotheke DocMorris Logistik, Auftragsbearbeitung, IT und Marketing. Im Frühjahr 2006 hob Uhrenbacher das interaktive Stadtmagazin Qype aus der Taufe.
Stephan Uhrenbacher steht seit 2003 in Kontakt mit den Management Angels.
Management Angels: Herr Uhrenbacher, Sie sind Gründer der Internet-Plattform Qype. Worum geht es da eigentlich?
Stephan Uhrenbacher: Qype ist Europas größte Plattform für lokale Bewertungen. Qype Nutzer beschreiben ihre Erfahrungen mit Restaurants, Hotels, Geschäften, aber auch Werkstätten oder Baggerseen....
Management Angels: Nennen Sie doch mal ein paar Kennzahlen zu Qype: Etwa die Anzahl der monatlichen Besucher, den Anteil aktiver Qyper, die Anzahl der Artikel und beschriebenen Orte.
Stephan Uhrenbacher: Qype hat mehr als 2 Millionen Nutzer im Monat, Über 50.000 Autoren haben Beiträge für mehr als 6000 Städte in Europa geschrieben.
Management Angels: Wie beschreiben Sie den typischen Qype-User und wieviel Zeit verbringt er durchschnittliche mit der Aufarbeitung seiner Daten?
Stephan Uhrenbacher: Wir haben einen völlig untypischen Mix an Menschen, von jung bis alt, männlich und weiblich, Blogger und Web-Neulinge. Allen gemeinsam ist lediglich, dass sie sich gerne äußern. Meinungsführer par Excellence. Manche berichten nur von ihren sehr positiven oder sehr negativen Erlebnissen, Andere veröffentlichen täglich einen Erfahrungsbericht.
Management Angels: Nach der Einrichtung von Qype UK Mitte 2007 und Qype France Ende 2007 sind zwei neue Sprachversionen online. Ist die Leidenschaft für Qype national unterschiedlich?
Stephan Uhrenbacher: Für die Engländer und auch die Franzosen ist vorrangig, dass Paris und London im Detail behandelt werden. In Deutschland war für die Nutzer eher wichtig, dass Qype „Ganz Deutschland“ erfaßt und nicht nur ein paar Großstädte. Ansonsten gibt es vor allem in England eine ausgesprochenes Interesse, Werbung für kleine Geschäfte zu machen, die sonst von den Ketten verdrängt werden.
Management Angels: In Ihrem Unternehmens-BLOG schrieben im November letzten Jahres, die Web 2.0 Stimmung würde langsam kippen. „Endlich. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Die Blase wird zwar nicht platzen, aber die Luft entweicht langsam.“ Geht der Branche langsam die Innovations-Kraft aus?
Stephan Uhrenbacher: Auf keinen Fall. Im Moment erleben wir gerade, wie sich das Mitmach-Web als Ur-Idee in vielen großen und kleinen Innovationen niederschlägt. Das ist extrem spannend. Mein Zitat bezieht sich darauf, dass nicht mehr alles finanziert wird, was den Web 2.0 Stempel trägt. Die Investoren verhalten sich da wieder eher rational.
Management Angels: Gute, effiziente Netzwerke sind unersetzbar geworden und zwar auf allen Ebenen: kulturell-sozial, ökonomisch, politisch. Das allein ist nicht neu. Neu erscheint vielmehr die Grundlage zu sein, auf der dies geschieht. Gemeint ist der technische Fortschritt im Hinblick auf moderne Kommunikations-Systeme. Was sind Ihre konkreten Visionen für die nächsten Jahre?
Stephan Uhrenbacher: Konkrete Visionen sind schwierig. Ich bin weniger ein Visionär als vielmehr Jemand, der gerne Dinge erkennt und umsetzt. Ich glaube, dass es zunehmend großen Bedarf geben wird, mich vor unerwünschten Informationen zu schützen. Wir sprechen von „Signal to Noise Ratio“, also dem Verhältnis zwischen nutzwertiger und unerwünschter Information.
Management Angels: Welche Netzwerk-Kompetenzen werden Usern heutige abverlangt?
Stephan Uhrenbacher: Ich finde die technischen Anforderungen an den Nutzer nach wie vor zu hoch. Um zum Beispiel ein wirklich erfolgreiches BLOG zu betreiben, braucht man erhebliche technische Fähigkeiten. Aber das wird Schritt für Schritt besser.
Management Angels: Auch die Management Angels pflegen seit Jahren bestehende Netzwerke zu Kunden und Interimsmanagern. Der direkte Kontakt, gemeinsame Projekte, Veranstaltungen, ein monatlicher Newsletter, unser neu aufgesetzter BLOG, all dies sind Formate, die in ihrer jetzigen Form vor Jahren so noch nicht möglich gewesen wären. Die Stichworte lauten interaktive Kommunikation, langfristige Kooperation, projektorientierte Arbeitsstrukturen. Was hält Netzwerke im Kern zusammen und motiviert Interessenten Zeit zu investieren?
Stephan Uhrenbacher: Damit eine Community entstehen kann, muss ein gemeinsamer Nenner vorliegen. Das kann ein Interesse an Geschäftskontakten sein, wie bei Xing, oder eben das Interesse an seiner Umgebung, wie bei Qype.
Management Angels: Was steht etwa in Ihrem Qype Code of Conduct?
Stephan Uhrenbacher: Bei Qype gelten die selben Regeln wie im richtigen Leben: Man darf nichts Unwahres behaupten und Niemanden beleidigen.
Management Angels: ...Stichwort Spickmich.de, hier geben fast eine halbe Million Schüler personalisierte Bewertungen über Lehrer ab. Sie haben vor kurzem in Ihrem BLOG die positive Entscheidung des OLG Köln zugunsten des Bewertungsforums Spickmich begrüßt. Einige betroffene Lehrer werden dies sicherlich anders sehen.
Stephan Uhrenbacher: Natürlich muss es anständig zugehen, aber ich glaube grundsätzlich, dass Transparenz in Märkten gut ist. Nehmen wir zum Beispiel traditionell intransparente Berufsgruppen: Ärzte, Anwälte, Handwerker: Warum soll es nur für Restaurants oder Hotels Kritiken geben, nicht aber für andere Berufe? Wer fragt nicht gerne Freunde vor einem Arztbesuch, ob der Arzt auch gut war?
Management Angels: Auch mit dem sogenannten „Geo-Tagging“ verbinden viele User Vorbehalte. Die Möglichkeiten, Verhaltensweisen im Internet immer transparenter machen zu können, sind faszinierend und erschreckend zugleich. Die Kritik an Google wird vermutlich in Zukunft eher zu- als abnehmen.
Sie werden mir gegenüber nun eine liberale Position formulieren, aber teilen Sie auch selbst einige dieser Vorbehalte? Und wenn ja, welche?
Stephan Uhrenbacher: Ich persönlich finde es eine grauenhafte Vorstellung, dass seit dem 1.1.2008 eine unbekannte Zahl an staatlichen Stellen jederzeit über die Speicherung des Standorts meines Handys rekonstruieren kann, wo ich wann gewesen bin. Und dies ist leider Fakt.
Auf Qype kann jeder kann zwar nachlesen, wo ich wann gewesen bin, aber nur für diejenigen Orte, für die ich dieses veröffentlicht habe. Und da bin ich persönlich viel vorsichtiger.
Aber ich wundere mich auch über Plattformen, die Nutzer auffordern, jederzeit ihren Aufenthaltsort preis zu geben und noch mehr über die Menschen, die dies tun.
Management Angels: In der Welt des Internets wuchert die Anzahl und Vielfältigkeit der BLOGs ins Unermessliche. Eigene Such-Anstrengungen nach benötigten Informationen kosten Zeit und bleiben oftmals befriedigende Ergebnisse schuldig. Die Organisation der eigenen Wissens-Versorgung muss sich zwangsläufig professionalisieren. Wie könnte das aussehen?
Stephan Uhrenbacher: Ich glaube nicht, dass die Ursache hierfür BLOGs sind. Ich sehe eher im social network Bereich die Schwierigkeit, dass sich häufig Beziehungspflege und Information völlig überschneiden. Und das ist in der Tat ein Dilemma. Ich selber unterscheide das bewusst und nutze die einzelnen Möglichkeiten sehr selektiv. Beziehungspflege läuft bei mir über Facebook und Twitter. Information über das Blog.
Management Angels: Themenwechsel: Sie sind CEO eines hochinnovativen Internet-Unternehmens. Wie führt man so ein Unternehmen? Wie skizzieren Sie Ihren Führungsstil?
Stephan Uhrenbacher: Das schöne an einem Startup ist, dass man selber zupacken darf und muss. Das kommt mir von meinem Typ her natürlich entgegen. Ich packe gerne an. Man muss schnell entscheiden und unbequeme Entscheidungen dürfen noch weniger als in größeren Unternehmen verzögert werden. Gleichzeitig ist ein Wachstumsunternehmen natürlich ganz besonders vom ständigen Wandel betroffen, so dass sich der Management-Stil über die Zeit ändern muss zu mehr Delegation. In dieser Phase muss aber die eigene Kultur des Startups bewahrt werden.
Management Angels: Haben Sie in der letzten Zeit erneut über die Gründung eines weiteren Internet-Start-Ups nachgedacht?
Stephan Uhrenbacher: Ich habe ständig eine oder zwei Ideen im Kopf, die „man eigentlich machen müsste“. Aber in meiner Rolle als Unternehmer kann ich nur eine Sache zur Zeit machen. Bei anderen Themen betätige ich mich lieber als Investor. Verzetteln will ich mich nicht.
Management Angels: Herr Uhrenbacher, wir bedanken uns für das Interview.


