Karriere mit Herz
Corporate Social Responsibility – ein bestimmender Faktor
für den Arbeitsmarkt der Zukunft
Studierende wollen Werte. Sie fordern Vertrauen und Respekt, Verantwortung, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit – auch von ihren zukünftigen Arbeitgebern.
Corporate Social Responsibility (CSR) ist der moderne, viel diskutierte Oberbegriff für ein Konzept, dem in den Colloquien der deutschen Universitäten noch nicht viel Platz eingeräumt wird – so Prof. Dr. Thomas Beschorner, DAAD-Professor an der Universität Montreal, Kanada. Doch er selbst hat einen Aufschwung der Thematik während seiner langjährigen Lehrtätigkeiten in Deutschland erlebt. Das steigende Interesse der Studierenden kam in den vergangenen Semestern beispielsweise in der erhöhten Nachfrage nach seinen Seminaren zum Ausdruck.
Angemeldet haben sich auch viele Studenten, die gar nicht unbedingt einen Schein brauchten, sich aber mit dem Zukunftsthema auseinandersetzen wollten. Studenten, so seine Erfahrung, hinterfragen immer mehr die Zukunft der Wirtschaft, haben eine hohe Eigenmotivation, möchten zukünftig etwas Sinnvolles leisten. Die jüngsten Zahlen des Universum Graduate Survey 2007 belegen Beschorners Eindruck. Im Jahr 2006 gaben 29 Prozent der männlichen und 37 Prozent der weiblichen Hochschulabgänger an, dass es ihnen wichtig sei, einen Job in einem Unternehmen zu finden, das CSR groß schreibt. 2007 legen bereits 35 Prozent der befragten Männer und 45 Prozent der befragten Frauen Wert auf das verantwortliche unternehmerische Handeln ihres zukünftigen Arbeitgebers.
CSR ist nach Beschorner, der die Internetplattform csr-news.net gründete und leitet sowie im Kuratorium des studentischen Netzwerks für Wirtschaftsethik sneep.info sitzt, eine begriffliche beziehungsweise sprachliche Weiterführung von Unternehmensethik.
Man könnte fast sagen, dass CSR mittlerweile ein Diskurs im Foucault`schen Sinn ist: Heiß diskutiert auf unterschiedlichen Ebenen der Gesellschaft mit unterschiedlichen Definitionen, weil ein jeder den Begriff aus seiner Perspektive für seine Ziele und mit seiner Erfahrung anders einordnet.
„Die Problematik der Definition haben wir auch immer wieder auf Kongressen. So oft mache ich die Erfahrung, dass wir – die wir da diskutieren – gar nicht über dasselbe sprechen, obwohl wir es alle CSR nennen“, so Beschorner. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung definiert CSR als „das Bekenntnis der Privatwirtschaft zu sozial und ökologisch verantwortlicher Unternehmensführung.
Die Unternehmen verpflichten sich selbst zur Beachtung sozialer, menschenrechts- und umweltrelevanter Grundsätze bei ihrer Geschäftstätigkeit und ihren Beziehungen zu Arbeitnehmenden, Anteilseignern und Anteilseignerinnen, Konsumenten und Konsumentinnen, Investoren und Investorinnen oder Organisationen der Zivilgesellschaft.“
Verständlich, dass die verschiedenen Stakeholder durch Interessensvertreter wie Non Governmental Organizations (NGOs), Gewerkschaften, Sozial- und Umweltverbände oder Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände auch eine differenzierte Gewichtung der Themen in Unternehmen befürworten. Doch echte Unternehmensethik lässt sich nur systemisch umsetzen, so die Perspektive des Wissenschaftlers Beschorner. Sie sei keine Spendenethik, sondern erfordere das Hinterfragen und (Re-)organisieren von Kerngeschäften, Produktions- und Dienstleistungsprozessen einschließlich der gesamten Wertschöpfungskette, der Produkte, des Marketing und der Mitarbeiterführung.
Um international ein einheitliches Verständnis sowie Standards für die Integration von CSR zu schaffen, arbeitet die ISO (International Organization for Standardization) an einer Richtlinie für Unternehmen – der ISO 26000. Dies stößt auf ein geteiltes Echo. Die Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren in Deutschland, Kirsten Hirschmann, bezieht Position: „Unser Ziel ist, Unternehmer davon überzeugen zu können, dass sich Engagement lohnt. Dabei muss aber klar sein, dass das Engagement auf freiwilliger Basis stattfinden muss. Standards, Zertifikate, Berichtspflichten oder Ähnliches halten wir für kontraproduktiv, weil es den Spielraum der Unternehmen einschränkt und neue Bürokratie schafft.“
Freiwilligkeit wird auch von der Europäischen Kommission betont: „Soziale Verantwortung der Unternehmen (Corporate Social Responsibility – CSR) ist ein Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, um auf freiwilliger Basis soziale und ökologische Belange in ihre Unternehmertätigkeit und ihre Beziehung zu den Stakeholdern zu betonen.“
Doch warum ist CSR so en vogue? Was löste diesen Diskurs aus? „Im Zuge der Globalisierung haben sich [...] nicht nur die Interaktionen der Wirtschaftsakteure quantitativ und qualitativ verändert, sondern auch die Öffentlichkeit ist durch „medienwirksame“ Unternehmensskandale kritischer und sensibler für das Vorgehen von Unternehmen geworden“, begründet Beschorner in seinem Artikel „Neue Spielregeln für eine (verantwortliche) Unternehmensführung“ zusammen mit Kristin Vorbohle.
Unternehmen müssen ihr Handeln vor der (Medien-)Gesellschaft legitimieren, stehen im Rampenlicht. Sie müssen Gutes tun und darüber sprechen. Der Rechtfertigungsdruck für das unternehmerische Handeln ist enorm. Das Umfeld ist misstrauisch und hat dank des Internets heute so gute Recherchemöglichkeiten wie noch nie.
Es ist eine Henne-Ei-Diskussion darüber, was nun was bewirkt oder bedingt. Auf der einen Seite kann der Konsument so gut herausfinden, wo ein Ei gelegt wurde, welche Stationen das Stück Fleisch auf dem Teller hinter sich hat oder welche Kräuter und Essenzen, die sich nun in der Zahnpasta oder Gesichtslotion befinden, wo und wie angebaut worden sind. Auf der anderen Seite wird man in Zeiten von Rinderwahn, Schweinepest und Vogelgrippe oder genmanipulierten Nahrungsmitteln und der Frage nach der richtigen Betankung des Autos schnell zum kritischen Verbraucher. Nicht umsonst haben wir gerade einen Bioboom. Der Konsument wird kritischer – und das bei jedem Produkt.
Nun ist ein Arbeitsplatz nicht gerade ein Produkt – doch auch hier lässt sich die gesellschaftliche Entwicklung durchaus weiterspinnen. Hochschulabsolventen sind in die Google-Welt hineingewachsen und verlangen natürlich auch von ihren Arbeitgebern in spe Details über deren Handeln.
Schließlich werden Young Professionals ihre gesamte Arbeitskraft investieren und wollen kaum in einem Unternehmen landen, das den nächsten Umwelt- oder Managerskandal hervorbringt. Die Lösung scheint Corporate Social Responsibilty zu sein. Unternehmen müssen sich von schwarzen Kassen, Schmiergeldskandalen, unternehmensfinanzierten Vergnügungstouren distanzieren und ihre Manager von der allgemein negativen Konnotation ihres Berufsstandes befreien, um auch in der Zukunft erfolgreiche Bilanzen einfahren zu können.
Der Schritt zur Besinnung auf verantwortliches unternehmerisches Handeln – auch in der Öffentlichkeits- und Personalarbeit kommuniziert – wird so verständlicher. Denn der „War for Talent“ hat längst wieder begonnen. Um ihn zu gewinnen, brauchen die Unternehmen eine Strategie, die über Milton Friedmans Ansatz aus den 1970ern hinausgeht, wonach die einzige Verantwortung der Wirtschaft im Erzielen von Gewinnen bestehe („The Business of Business is Business“).
Vertrauen der Stakeholder gewinnen Unternehmen nur, wenn sie verantwortlich handeln, nicht allein durch Innovationen, Service und preiswerte Produkte. CSR ist vielmehr in die Unternehmensstrategie vieler Firmen integriert, um zu einem besseren Image beizutragen, das nicht nur Kunden und Investoren anzieht, sondern auch die Motivation der Mitarbeiter fördert und Nachwuchs begeistert.
„Am liebsten möchte ich einmal in einem größeren Unternehmen arbeiten, in einem, wo ich meinen Arbeitsplatz sicher weiß. Und natürlich bei einem, das beim Thema CSR mit vorn dabei ist“, so Dr. Martin M. Kluska, Post-Doc der Universität Heidelberg. Ein Beispiel dafür ist QIAGEN. Das Biotechnologieunternehmen ist der globale Marktführer im Bereich Proben- und Testtechnologien. QIAGEN ist ein Player in der globalisierten Welt und setzt auf CSR. Peer Schatz, der CEO des Unternehmens mit weltweit 2.600 Mitarbeitern, beschreibt CSR als „die Möglichkeit des Unternehmens, Werte signifikant zu leben und mittelbar damit auch Shareholder Value zu schaffen.“
Er möchte seine Mitarbeiter mit dem Herzen erreichen und das Unternehmen voranbringen, nicht nur über das Portemonnaie. Sein Ansatz ist es, Geld nicht blind auszugeben, sondern mit Verstand passend einzusetzen, in dem Wirkungsbereich, in welchem das Unternehmen seine Kernkompetenzen hat. Und das in einer Art Fächer für alle Stakeholder. Es sollen zum Beispiel Menschen erreicht werden, die Bedarf an QIAGEN-Produkten haben, sich diese aber nicht leisten können. So werden unter anderem Produkte nach Indien zu einem Bruchteil des Originalpreises verkauft. NGOs werden Produkte zu zehn Prozent des offiziellen Verkaufspreises oder teilweise auch kostenlos zur Verfügung gestellt.
Nicht aus Profitdenken, sondern aus der gezielten unternehmerischen Verantwortung für nachhaltige Entwicklung heraus. Neben der internationalen Verantwortung legt QIAGEN besonderen Wert auf die Mitarbeiter. Ein Angebot sind zum Beispiel regelmäßige Innovationsabende. Niemand geringerer als der Nobelpreisträger Craig Mello war aus diesem Anlass dieser Tage im Unternehmen zu Gast. Unterstützung der QIAGENer durch Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten oder Fitnessangebote sind nur das Basisprogramm.
„Wir wollen unsere Mitarbeiter unterstützen, wo wir können, damit sie wissen, dass sie dazugehören und ihr täglicher Einsatz wertgeschätzt wird. Nur so können Mitarbeiter sich mit dem Unternehmen identifizieren“, sagt der CEO.
Interessiert auch am Ausbildungsthema gründete QIAGEN in Hilden, dem operativen Hauptsitz in Deutschland, eine Schule für technische Assistenten. Ungefähr 10 Prozent des Jahrgangs können im Durchschnitt sogar bei QIAGEN übernommen werden. Obwohl er politisch eher zurückhaltend ist, engagiert sich Peer Schatz in Gremien zur Förderung des Innovationsstandorts Deutschland oder in der Regierungskommission für den Deutschen Corporate Governance Codex. „Jeder sollte in seinem Rahmen etwas bewegen. Es geht darum, Werte freizusetzen. Ehrliches, verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln hat einen höheren langfristigen Effekt für alle Beteiligten“, so Peer Schatz.
Auch Dr. Martin M. Kluska hat schon interessiert nach QIAGEN recherchiert. Er assoziiert aber auch ein Unternehmen wie SAP mit vorbildlicher CSR. Die Mitarbeiter des Softwareherstellers hätten ihre Freiheiten, zählten wohl zu den zufriedensten in Deutschland. Kinderbetreuung, Tai-Chi oder gemeinsame kulturelle Erlebnisse würden ebenfalls angeboten. „Dann sind die Mitarbeiter doch glücklicher und motivierter“, so der Young Professional.
Ein weiteres Beispiel ist Weleda. Der Anspruch „Im Einklang mit Mensch und Natur“ ist schon in den Unternehmenswurzeln von 1921 verankert. Dabei handelt es sich um einen ganzheitlichen Ansatz, der sich auf alle Tätigkeitsbereiche auswirkt. Ein moderner Anspruch trotz Tradition.
Es gibt sie also, die Unternehmen mit CSR und auch die Möglichkeit für Studenten, sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen. An der Consulting Akademie Unternehmensethik werden künftige Führungskräfte auf Kompetenzen aufmerksam gemacht, die weit über die Instrumente der traditionellen Betriebswirtschaft hinausreichen. Es sollen die Stellung von Unternehmen in der Gesellschaft sowie geeignete Maßnahmen zur Umsetzung eines verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns reflektiert werden. Die Akademie versucht, ein Angebot für Studenten zu schaffen, das Ihnen an vielen Universitäten in Deutschland verwehrt bleibt.
„Wir wollen zur Aufklärungsarbeit beitragen. Studenten werden in der Zukunft durch den steigenden Fachkräftemangel gefragter sein denn je“, sagt Beschorner. So werden Hochschulabsolventen mit ihrem Anspruch an CSR und ihrem Wunsch nach einer Karriere mit Herz immer mehr zum bestimmenden Faktor für Unternehmen.
Quelle: veröffentlicht in FTD-Beilage Karriere & Zukunft, November 2007


